Al-Quds-Tag 2019

Während am 31. Mai im „Islamischen Zentrum Hamburg“ (IZH) dem 30. Todestag Ayatollah Chomeinis gedacht wurde, fand vor der Moschee eine Kundgebung von iranischen Oppositionellen und Freunden Israels statt. Der Redebeitrag im Namen des LAK Shalom Hamburg ging hierbei auch auf den sogenannten Al-Quds-Marsch am Tag darauf ein. (Mehr zu den Verbindungen zwischen IZH, Al-Quds-Tag, Iran und Hisbollah gibt es in einem Beitrag der Sendung „Kontraste“ zu sehen.) Am 1. Juni versammelten sich in Berlin mehrere hundert Islamismusgegner auf einer antifaschistischen Kundgebung am Adenauerplatz und einer bürgerlichen Kundgebung auf dem George-Grosz-Platz. (Der LAK Shalom, Aufrufer zu beiden Demos, wurde im Nachgang auch in einem Bericht der Jüdischen Allgemeinen erwähnt.) An der Islamisten-Demo nahmen vereinzelt Personen aus der NPD und dem „Jugendwiderstand“ teil, das Gros der Teilnehmer bestand jedoch aus Anhängern der Hisbollah und der Islamischen Republik, die iranische Staatspropaganda verbreiteten. So wurde sich etwa über die Despotie in Saudi-Arabien echauffiert, selbstredend ohne das eigene Unrechtsregime in Frage zu stellen. Hauptsächlich ging es aber, natürlich, gegen „die Zionisten“.

Gegen den Al-Quds-Tag 2019 in Berlin

Am 1. Juni findet in diesem Jahr wieder der Al-Quds-Tag statt, der einst von Ayatollah Khomeini erfunden wurde, um für die bevorstehende Eroberung Jerusalems zu demonstrieren. Wir unterstützen den folgenden Aufruf des Antifaschistischen Berliner Bündnisses gegen den Al Quds-Tag:

Gegen jeden Antisemitismus – Kein Quds-Marsch 2019 in Berlin!

Am 01. Juni 2019 wollen auch in diesem Jahr mehrere hundert Antisemit*innen am sogenannten Al Quds-Tag in Berlin aufmarschieren. Sie demonstrieren für eine Eroberung Jerusalems (arabisch: Al Quds) und die Vernichtung Israels. Der Al Quds-Tag wurde 1979 im Rahmen der Islamischen Revolution im Iran als Feiertag ausgerufen und wird jährlich als Staatsakt am Ende des Ramadan abgehalten. Seitdem dient der Tag der iranischen Führung als islamistische Propagandaveranstaltung gegen den jüdischen Staat. Dabei wird sowohl versucht, sich als Widerstandsbewegung gegen den vermeintlichen Aggressor Israel, als auch den Quds-Tag zum „Kampftag für die Unterdrückten der Welt“ zu stilisieren. Mit der Forderung, dass „die Unterdrückten“ sich ausgerechnet gegen den jüdischen Staat zur Wehr setzen sollen, steht der Al Quds-Tag in einer antisemitischen Tradition: Die Idee einer jüdischen Weltverschwörung, die für alles Übel der Welt verantwortlich sei, ist zentraler Kern antisemitischer Ideologie. Anstatt einer tatsächlichen Solidarität mit Palästinenser*innen und ihren Lebensumständen geht es den Veranstalter*innen des jährlichen Quds-Marsches um die Dämonisierung Israels und der Machterhaltung des islamistischen Regimes, der Verbreitung seiner Ideologie in der Region und im Ausland. Für die Islamische Republik Iran ist Antisemitismus seit der Gründung im Jahr 1979 zentraler Bestandteil der Staatsideologie. Erst in diesem Jahr sprach der als gemäßigt geltende Präsident Hassan Rohani von einer Verschwörung Israels und der USA gegen den Iran und bezeichnete den jüdischen Staat bei einer Konferenz zur islamischen Einheit im November 2018 als einen „krebsartigen Tumor“.

Mit der Islamischen Revolution vor 40 Jahren wurden nicht nur regimestabilisierende Events wie der Al Quds-Tag eingeführt, sondern mit dem islamischen Scharia-Recht auch Gesetze mit einschneidender Wirkung für die iranische Bevölkerung. Kurz nach der Revolution, einige Tage vor dem Internationalen Frauentag 1979, wurde es den berufstätigen Frauen* verboten, unverschleiert zur Arbeit gehen. Staatliche „Sittenwächter” sorgen für die Einhaltung fundamentalistischer Regelungen in der Öffentlichkeit. Insbesondere Frauen* sind seither systematisch sexualisierter Gewalt ausgeliefert. Vergewaltigungen werden strukturell begünstigt und haben in der Regel immer ein Nachspiel für die Betroffenen. Gleichzeitig ist es oftmals fast unmöglich, die Täter dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Das Wort eines Mannes* steht dabei gesetzlich festgeschrieben immer über dem der Frau*. Obwohl sie Opfer eines Verbrechens wurden, kann ihnen das als strafbare Handlung ausgelegt werden – das wird dann mit den Vorwürfen des vorehelichen oder außerehelichen Geschlechtsverkehrs oder einfach mit den angeblich niedrigen Beweggründen der Heimtücke begründet. Im schlimmsten Fall droht Frauen* die Todesstrafe durch Steinigung. Als gesetzliches Eigentum von Männern*, entmündigt in Fragen von Sorgerecht, Scheidung und Reiseerlaubnis werden Frauen* im Iran zu Menschen zweiter Klasse erklärt. Mit alltäglicher Repression reagiert das Regime auch auf Gewerkschafter*innen, Menschenrechtsaktivist*innen, Angehörige religiöser und anderer Minderheiten wie z.B. die Bahai und Jesid*innen. Politische Gegner*innen werden inhaftiert und gefoltert. Neben der Abkehr vom Glauben gilt Homosexualität als schwerstes zu begehendes Verbrechen. Bei dem Vorwurf des homosexuellen Geschlechtsverkehrs droht die Todesstrafe, die, wie jüngste Berichte aus dem Januar 2019 zeigen, durch öffentliches Hinrichten vollstreckt wird.

Um den Protest von Betroffenen zu delegitimieren, werden sie nicht nur verhaftet und hingerichtet, sondern auch als Agent*innen des Westens, vornehmlich Israels dargestellt. Die explizit frauen*feindlichen und antisemitischen Politiken des Iran schließen sich dabei nicht etwa aus, sondern sind in einem engen wechselseitigen Verhältnis zueinander zu betrachten.
Dieses Zusammenspiel ist keineswegs eine Erfindung der Mullahs, sondern eng verbunden mit der Entwicklung des modernen Antisemitismus im 19. Jahrhundert in Europa, als Jüdinnen*Juden als „Rasse“ konstruiert und ihnen körperliche und geistige Eigenschaften zugeschrieben wurden. Der „jüdische Mann“ wurde im Kontrast zum „arischen Mann“ konstruiert. Dabei werden im Antisemitismus sexistische Abwertungen gegenüber Frauen* auf „jüdische“ Männer“ übertragen. Zugeschriebene Eigenschaften wie Verführungskünste und Unberechenbarkeit werden als Gefahr für den „arischen Mann“ und die Gesellschaft angesehen. Dementsprechend werden „jüdische Frauen“ als Gegenbild zur anständigen, nicht-jüdischen Frau, welche dem Mann folgsam dient und die Kinder großzieht, als das verführerische und wahlweise abstoßende „Andere“ konstruiert. Wenn auf dem Al Quds-Marsch Männer* die vorderen Reihen bilden, folgen ihnen Frauen*, zumeist mit den Kindern. Oftmals sind es dabei auch Frauen*, die misogyne und antisemitische Plakate tragen, die Jüdinnen*Juden in Karikaturen körperlich abwerten. Gleichzeitig dienen antisemitischen Gruppen wie dem BDS und der PFLP Frauen* als Galionsfiguren im Kampf gegen Israel. Anders als etwa von einigen queer*feministischen Gruppen dargestellt, stellen sie keineswegs die emanzipatorischen Kräfte innerhalb terroristischer Organisationen dar, sondern werden von letzteren desexualisiert. Denn in kämpfenden Einheiten mit patriarchalen Machtstrukturen gelten Frauen* als schwach und daher nicht geeignet für den Kampf gegen Jüdinnen*Juden.
Neben Jüdinnen*Juden dienen Frauen* allgemein als negatives Gegenbild zur antisemitischen und patriarchalen Norm. In den sexistisch-antisemitischen Diskursen charakterisieren List und Täuschung sowohl Jüdinnen*Juden als auch Frauen* generell und lassen sie als unberechenbar und gefährlich erscheinen. Dass vermeintlich Schwache sich zum Starken aufschwingen, gilt als unerhört und ungerecht. Nicht nur die politischen Kräfte des Irans versuchen dies zu verhindern.

Ungeachtet all dieser Zustände gratulierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dem Regime im Iran zum 40. Jahrestag der Islamischen Revolution und steht damit symbolisch für die fatale deutsche Iran-Politik und ihre Doppelmoral. Während sich insbesondere sozialdemokratische Politiker*innen für feministische Positionierungen feiern lassen, zählt Deutschland weiterhin zu den wichtigsten Handelspartnern des antisemitischen Regimes. Außenminister Heiko Maas (SPD) setzte sich nach dem Inkrafttreten von US-Sanktionen im August 2018 intensiv für die Interessen deutscher Firmen im Iran ein. Zu den weiterhin laufenden Protesten iranischer Regimegegner*innen, verlor er dabei kein Wort. Während sich vereinzelt konservative bis rechte Politiker*innen um eine vorgeschobene Kritik am Antisemitismus und der Unterdrückung von Frauen* im Iran bemühen, verschweigen sie zugleich den Antisemitismus und patriarchale Zustände in Deutschland. Zu gerne wird von ihnen das Bild des “importierten” Antisemitismus und Sexismus bemüht, während Antisemit*innen in den eigenen Reihen stillschweigend geduldet werden und Frauen* weiterhin, etwa durch das Abtreibungsverbot per deutschem Gesetz, Rechte auf sexuelle Selbstbestimmung verwehrt werden. Während also (extrem) rechte Kräfte und weite Teile der deutschen Gesellschaft ihren „Kampf“ gegen Antisemitismus und sexualisierte Gewalt nur aus einer rassistischen Motivation heraus führen, leugnen und verstecken sie die eigene Verstrickung und Täter*innenschaft. Doch die Deutschen beweisen bis heute, dass sie keine Hilfe von außen brauchen um Jüdinnen*Juden zu bedrohen und eine patriarchale Gesellschaft aufrecht zu erhalten.

Glücklicherweise gibt es sowohl in fundamental islamistischen, als auch in bürgerlich-patriarchal verfassten Gesellschaften seit Jahrzehnten Feministinnen* und emanzipatorische Kräfte, die sich patriarchalen Strukturen entgegenstellen. Sie kämpfen gegen regressive Sexualmoral, normative Geschlechterbilder, rigiden Zugriff auf weibliche* Körper, Abwertung von Frauen* und alltägliche antifeministische, homo- oder transfeindliche Angriffe. So wurde weltweit in diesem Jahr wieder zum feministischen Bestreiken von prekärer Lohnarbeit sowie unbezahlter Care- und Reproduktionsarbeiten aufgerufen. Frauen* schließen sich zusammen und bekämpfen ihre Unterdrückung auf allen Ebenen. Im Iran lassen sich Frauen*, trotz der regressiv misogynen Gesetzgebung, ihr Recht auf Protest gegen die anhaltenden Zustände nicht nehmen. Aktionen wie das Ablegen von Kopftüchern werden trotz der zu erwartenden Repression in die Öffentlichkeit getragen. Im Januar 2018 gingen im Zuge der Proteste gegen das Regime im Iran die Bilder von Vida Movahed um die Welt, die aus Protest gegen die Islamische Republik und die repressive Kleiderordnung im Zentrum Teherans auf einen Stromkasten stieg – in ihrer Hand einen Stock, darauf ihr weißes Kopftuch. Auch nach 40 Jahren demonstrieren die iranischen Frauen* als eine der größten Protestgruppe weiterhin auf den Straßen, filmen sich bei öffentlichen Konfrontationen mit den Sittenwächtern und solidarisieren sich mit Verhafteten. Eine ihrer Parolen lautet wie damals: „Freiheit ist nicht östlich und nicht westlich, sie ist universell!“

Unsere Solidarität mit emanzipatorischen und feministischen Kämpfen ist für uns als Antifaschist*innen nicht verhandelbar. Nicht nur am Al Quds-Tag, sondern auch an jedem anderen Tag des Jahres gilt es, sich jeglicher Form von Sexismus und Patriarchat, Antisemitismus und Antizionismus entgegenzustellen. Antifaschismus bedeutet einzustehen für das Selbstverteidigungsrecht des Schutzraums von Jüdinnen*Juden, bedeutet Solidarität mit Israel gegen die tagtäglichen Vernichtungsdrohungen. Es gilt auch innerhalb feministischer Diskurse eine emanzipatorische Kritik am politischen Islam und seinen Vertreter*innen zu formulieren. Ebenso an der deutschen Doppelmoral in den Kooperationen mit diktatorischen Regimen wie dem Iran, an islamistischer Agitation in Deutschland und Europa. Antifaschismus heißt auch, sich all dem in den Weg zu stellen, ohne scheinheilige Zurückhaltung im Sinne einer angeblich größeren linken Sache oder kulturrelativistischem Appeasement. Dabei stehen wir insbesondere an der Seite der Verfolgten und der Opfer des politischen Islam und der islamistischen Regime, die vor Ort ihr Leben für Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Gleichberechtigung riskieren, wie an der Seite derjenigen, die vor Unterdrückung und Terror nach Deutschland geflohen sind.

Auch hier gilt es alltäglich, dem Patriarchat, dem rassistischen und antisemitischen Normalzustand den Kampf anzusagen!
In diesem Sinne:

Solidarität mit Israel und den emanzipatorischen Kräften im Iran!
Nieder mit dem Patriarchat und LGBTIQ*-Feindlichkeit!
Nieder mit dem Al Quds-Tag!
Kein Friede mit Deutschland!

Die antifaschistische Demonstration startet am 1. Juni 2019 um 12 Uhr am U-Bhf Wilmersdorfer Straße in Berlin-Charlottenburg.

Wir unterstützen auch die Kundgebung gegen den Quds-Marsch, die von Parteien, Verbänden und zivilgesellschaftlichen Organisationen getragen wird und am 1. Juni um 15 Uhr am George-Grosz-Platz (Schlüterstr./Kurfürstendamm) stattfindet.

In Israel wird gewählt

VON JAN VAHLENKAMP

Am 6. März 2019 befasste sich der LAK Shalom Hamburg mit den Wahlen zur israelischen Knesset am 9. April 2019. Der hier nun zu lesende Text ist der zusammengetragene Inhalt des Referats, die Power-Point-Präsentation gibt es hier. Der Autor wünscht anregende und erhellende Lektüre.

Israelisches Wahlsystem

120 Abgeordnetenmandate in der Knesset sind zu vergeben, eine Zahl die sich seit der Gründung Israels 1948 nicht verändert hat. Aktives Wahlrecht haben alle Staatsbürgerinnen und Staatsbürger ab 18 Jahren, passives Wahlrecht ab 21. Das passive Wahlrecht kann entzogen werden, wenn das Existenzrecht Israels verneint, rassistische Positionen eingenommen oder ein feindliches Land ohne Erlaubnis besucht wurde. Eine Briefwahl findet nicht statt und Israelis im Ausland können in der Regel auch nicht mit abstimmen, eine Ausnahme bilden hier nur Mitarbeiter des diplomatischen Dienstes. Es wird nach reinem Verhältniswahlrecht gewählt, also ohne Wahlkreise und Direktmandate. Die Wahllisten sind starr, d.h. die Wähler haben keinen Einfluss auf die Reihenfolge der Liste und können nur eine Stimme vergeben. Parteien halten aber oftmals Vorwahlen über die Zusammensetzung der Liste ab. Die Sperrklausel liegt bei 3,25 %. Nur im Parteienregister eingetragene Parteien können zur Wahl antreten, es können sich aber mehrere Parteien zu Bündnissen mit gemeinsamen Listen zusammentun, was auch oft praktiziert wird. Noch bis kurz vor der Wahl können diese Parteien bzw. Bündnisse Listenverbindungen eingehen, um überschüssige Reststimmen, die nicht für ein Mandat ausreichen, untereinander zu verrechnen. Eine Legislaturperiode endet nach vier Jahren, was aber zuletzt in den 1980er Jahren tatsächlich der Fall war. Vorgezogene Neuwahlen sind die Regel. Nach Beratungen mit den Parteien, die in die Knesset eingezogen sind, beauftragt der Staatspräsident einen Abgeordneten der Knesset mit der Regierungsbildung.

Mehr zum politischen System Israels gibt es bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

Bei der Präferenz der Parteien ist nicht nur der eigene politische Standpunkt (links, mitte, rechts) von Bedeutung, sondern auch die eigene Identität (etwa arabisch, religiös, russischstämmig etc.).

Zwei Fragen durchziehen die israelische Politik als Konstanten. Die eine ist: Wie stehst du zur Zwei-Staaten-Lösung? Die Beantwortung dieser Frage wird üblicherweise auch zur Einordnung auf der Links-Rechts-Skala benutzt. Die andere konstante Frage ist die nach der gewünschten Identität des Staates, von der Befürwortung eines säkularen, pluralen Staates mit Betonung der Rechte des Individuums, bis zu einem dezidiert jüdischen Staat mit Betonung der Kollektivrechte des jüdischen Volkes.

Die letzten Knesset-Wahlen 2015 ergaben eine Fortsetzung der Regierung Benjamin Netanjahus und seinem Likud. Sämtliche rechte Parteien, die ultraorthodoxen Parteien und die Mitte-Partei Kulanu sind dabei seine Koalitionspartner. Andere liberale, linke und arabische Kräfte sind in der Opposition.

Arabische Parteien

Die arabischen Parteien können nicht für alle arabischen Israelis sprechen, rund 20 – 30% von ihnen wählen zionistische Parteien oder betätigen sich dort. Arabische Parteien schließen oft Bündnisse, beenden diese und formieren sich neu. Aufgrund der Anhebung der Sperrklausel auf 3,25 % gründete sich 2015 die „Vereinte Liste“ (auch „Gemeinsame Liste“) als Bündnis aller arabischen Parteien. Ihre ideologisch teils recht unterschiedlich ausgerichteten Mitglieder, die sich auf kommunaler Ebene als starke Konkurrenten begegnen, sind geeint im Antizionismus, d.h. sie lehnen den Staat Israel so wie er jetzt ist, als in erster Linie jüdischen Staat, ab. Die Zusammenarbeit mit zionistischen Parteien ist umstritten. Innerhalb der Vereinten Liste gab es folgende Parteien bzw. Bündnisse:

Chadash („Neu“, Akronym für „Demokratische Front für Frieden und Gleichheit“)

– Gegründet 1977

– Kommunistisch ausgerichtet

Chadash wurde als Wahlbündnis durch die Kommunistische Partei Israels, die Black Panthers und andere linke Gruppen gegründet. Als einziges Bündnis innerhalb der Vereinten Liste hat Chadash Juden und Araber in ihren Reihen, wobei Letztere zahlenmäßig deutlich überwiegen. Der Vorsitzende Ayman Odeh war auch Fraktionsvorsitzender der Vereinten Liste.

Balad („Land“, Akronym für „Nationales demokratisches Bündnis“)

– Gegründet 1995

– Sozialdemokratisch ausgerichtet

Balad entstand als Abspaltung von Chadash. In der Vergangenheit fiel die Partei u.a. durch die Abgeordnete Hanin Soabi auf. Sie nahm 2010 an der Free-Gaza-Flotille an Bord der Mavi Marmara teil und wurde dafür stark angegriffen.

Ra’am (Akronym für „Vereinigte Arabische Liste“)

– Gegründet 1996

– Islamistisch ausgerichtet

Ra’am entstand als Vereinigung der linken „Arabisch-Demokratischen Partei“ (Abspaltung der Awoda während der ersten Intifada) und der „Islamischen Bewegung“ (Südlicher Zweig). Die Islamische Bewegung ist der israelische Ableger der Muslimbrüder, welcher wie diese soziales Engagement mit politisch-religiöser Agitation verbindet. Die Islamische Bewegung ist in einen „nördlichen“ (radikalen) und „südlichen“ (gemäßigten) Zweig aufgeteilt. Während der Südliche Zweig mit legalen Mitteln, wie eben dem Antritt zu Wahlen arbeitet, ist der Nördliche Zweig seit 2015 wegen Unterstützung des Terrorismus verboten.

Ta’al (Akronym für „Arabische Partei für Erneuerung“)

– Gegründet 1996

– Säkular-nationalistisch ausgerichtet

Ta’al hatte in der Vergangenheit nacheinander Bündnisse mit allen anderen arabischen Parteien. 2009 sollten Balad und Ta’al wegen Terror-Unterstützung von den Wahlen ausgeschlossen werden, dies wurde aber vom Obersten Gerichtshof annulliert. Im Januar 2019 verkündete Ta’al als erstes den Austritt aus der Vereinten Liste.

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung Israel zog 2016 eine positive Bilanz der Vereinten Liste, auch hinsichtlich der Zusammenarbeit von linken und islamistischen Kräften:

Die Existenz der Gemeinsamen Liste ebnete auch den Weg für ihre progressiveren Mitglieder, mit konservativen Kreisen direkten Kontakt aufzunehmen und ins Gespräch zu kommen. Dazu äußerte sich auch Aida Touma-Suleiman, als sie einmal öffentlich zu den negativen Auswirkungen der Zusammenarbeit mit Islamisten befragt wurde. Sie sagte, dass ihr als feministischer Kommunistin die Zusammenarbeit mit der Islamischen Bewegung zum ersten Mal ermögliche, mit Beduinenfrauen zusammenzusitzen und ihnen zuzuhören; was vorher in den sehr religiösen Bevölkerungskreisen des Negevs unvorstellbar gewesen sei. Die scharfe Reaktion von Chadasch/al-Jabha- und Balad/al-Tadschamu‘-Mitgliedern auf die Veröffentlichung eines hetzerischen, homophoben Artikels des nördlichen Flügels der Islamischen Bewegung (der nicht Teil der Gemeinsamen Liste ist) ein paar Wochen nach der Wahl hat darüber hinaus gezeigt, dass eine gemeinsame Liste mit konservativeren Elementen nicht die progressiveren Teile der Liste daran hindert, öffentlich Kritik zu äußern.

Nachdem im Januar 2019 Ta’al aus der Vereinten Liste austrat, wurde im Februar bekannt, dass bei den Wahlen Chadash und Ta’al, sowie Balad und Ra’am jeweils eine gemeinsame Liste bilden werden. Der Zentrale Wahlausschuss hat in diesem Jahr die Liste Balad/Ra’an und den jüdischen Kandidaten Ofer Cassif von Chadash/Ta’al nicht zugelassen. Es wird erwartet, dass diese Entscheidung vom Obersten Gerichtshof aufgehoben wird.


Chadash/Ta’al

Derzeitige Sitze: 5

Erwartete Sitze: 6 – 11


Balad/Ra’an

Derzeitige Sitze: 8

Erwartete Sitze: 0 – 8


Linkes Lager

In den ersten drei Jahrzehnten seines Bestehens wurde der Staat stark durch die Arbeiterparteien Mapai und Mapam geprägt, die im wesentlichen die Aschkenasim (=Europäer) organisierten. Der Friedensprozess der 1990er Jahre ist eng mit ihren Nachfolgeorganisationen verbunden. Dennoch ist ihre Machtbasis seit Ende der 1970er kontinuierlich geschrumpft, auch da sie es nicht schafften, neue Einwanderergruppen in ihre Parteien zu integrieren.

Meretz („Energie“)

– Gegründet 1992

– Links-sozialdemokratisch/grün-alternativ ausgerichtet

Meretz wurde zunächst als Bündnis aus der Arbeiterpartei Mapam, der linken Partei Ratz und der liberalen Partei Shinui gebildet. 1996 folgte die Umwandlung zur Partei. Von 1992 bis 1996 und von 1999 bis 2001 war Meretz an Regierungen mit Awoda beteiligt. Im Programm stehen Bürgerrechte, Soziale Gerechtigkeit, Gleichstellung von Frauen, Homosexuellen und Minderheiten, Umweltschutz, religiöser Pluralismus und ein klares Bekenntnis zur Zwei-Staaten-Lösung. Meretz ist Mitglied der Sozialistischen Internationale und hat einen Beobachterstatus in der Sozialdemokratischen Partei Europas, fühlt sich aber auch grünen Parteien nahe. Ihre Wählerschaft findet sich hauptsächlich in Tel Aviv, bzw. im urbanen Mittelstand. Die Vorsitzende Tamar Zandberg ist daran interessiert, Meretz an einer Koaltion einer Mitte-Links-Regierung partizipieren zu lassen. 2010 traf sich eine Delegation des BAK Shalom mit Vertretern der Meretz-Jugend.

Ein Interview mit Tamar Zandberg gibt es bei der Heinrich-Böll-Stiftung zu lesen.


Meretz

Derzeitige Sitze: 5

Erwartete Sitze: 4 – 8


HaAwoda
(„Die Arbeit“)

– Gegründet 1968

– Sozialdemokratisch ausgerichtet

Awoda wurde aus der Arbeiterpartei Mapai (die von David Ben-Gurion gegründet wurde) und zwei weiteren Arbeiterparteien geformt. Bis 1977 gehörten alle Premierminister der Mapai beziehungsweise der Awoda an. Awoda galt lange als Vertreterin der Aschkenasim, der aus Europa eingewanderten Mittel- und Oberschicht des Landes. Bis 1984 trat Awoda gemeinsam mit der Arbeiterpartei Mapam (heute Meretz) zu Wahlen an. Mapam verließ das Bündnis, als es erstmals zu einer Koalition mit dem Likud kam. 1992 wurde der Awoda-Politiker Yitzhak Rabin Ministerpräsident und wirkte am Friedensvertrag mit Jordanien und dem Oslo-Abkommen mit. Nach seiner Ermordung übernahm Shimon Peres das Amt, welches er 1996 verlor. Den letzten Ministerpräsidenten stellte Awoda von 1999 bis 2001 mit Ehud Barak. Awoda war seitdem immer mal wieder Juniorpartner in einer Koalition mit dem Likud, was aber häufig zu innerparteilichen Spannungen und Spaltungen führte. In der Knesset sitzen heute auch zwei Vertreter der Sozialproteste von 2011 in der Fraktion von Awoda. Eine Zwei-Staaten-Lösung wird weiterhin befürwortet, allerdings ohne jeglichen Nachdruck. Der derzeitige Vorsitzende Avi Gabbay lässt hierzu verkünden, dass ein vereintes Jerusalem unter israelischer Kontrolle wichtiger sei, als ein Frieden mit den Palästinensern. Gabbay ist ein etwas untypischer Sozialdemokrat: Er ist Mizrachim (Orientale) und Millionär, sowie ursprünglich Gründungsmitglied der liberalen Partei Kulanu. Gabbay stimmte der Abschiebung von Flüchtlingen nach Ruanda zu, meint dass Siedler im Westjordanland nicht geräumt werden sollen und will keine Koalition mit arabischen Parteien.

Ähnlich wie die meisten europäischen Sozialdemokraten steckt Awoda in einer tiefen Krise. Ein Parlamentarier wird zitiert mit den Worten: Wir haben es absolut nicht geschafft, ein Image aufzubauen, das die Wähler wirklich überzeugen könnte. Wenn man sich aus einer linken Position heraus als Alternative zu Gantz und seiner Partei präsentiert, ist das zum Scheitern verurteilt, weil Meretz da überzeugender ist. Versucht man es aus der Mitte heraus, fragen sich die Wähler, warum sie für uns stimmen sollen, wenn es sich dabei doch nur um eine weitere zentristische Partei handelt.

Mehr zum Niedergang der Awoda gibt es bei der Jüdischen Allgemeinen zu lesen.

In der jetzt zu Ende gehenden Legislaturperiode unterhielt Awoda unter dem Namen „Zionistische Union“ ein Bündnis mit der Partei Ha-Tnu’a („Die Bewegung“). Diese wurde 2012 als Abspaltung von Sharons Mitte-Partei Kadima gegründet. Vorsitzende war die ehemalige Außenministerin Tzipi Livni (ursprünglich Likud, dann Kadima). Bevor Ha-Tnu’a 2015 eine gemeinsame Liste mit Awoda als Zionistische Union aufstellte, war die Partei in einer Koalition mit dem Likud, in der Livni die Justizministerin stellte. Im Januar 2019 wurde das Bündnis Zionistische Union überraschend von Awoda aufgekündigt. Ha-Tnu’a tritt nun nicht mehr zur Wahl an.


Awoda

Derzeitige Sitze: 18

Erwartete Sitze: 5 – 10


Die Mitte

Die von Ariel Sharon gegründete Mitte-Partei Kadima, die 2006 und 2009 große Wahlerfolge feiern konnte, hat sich 2015 aufgelöst. In den letzten Jahren entstanden aber mehrere Parteien, die sich als liberal definieren und somit weder dem traditionellen linken, noch dem rechten Lager zugehörig sind und hierbei Wahlerfolge verbuchen können. Am 21. Februar 2019 kündigten Jair Lapid von Jesch Atid und Benny Gantz von Chosen LeJisra’el die Bildung einer gemeinsamen Wahlliste namens „Blau und Weiß“ an.

Jesch Atid („Es gibt eine Zukunft“)

– Gegründet 2012

– Sozialliberal ausgerichtet

Der Vorsitzende Jair Lapid ist ein populärer ehemaliger TV-Journalist und betont säkular. Von 2013 bis 2015 war Jesch Atid an der Regierung beteiligt, Jair Lapid wurde Finanzminister. Seine Entlassung führte zu vorgezogenen Neuwahlen. Im Programm wird gefordert, sich den Problemen in den Bereichen Ausbildung, Wohnungsbau und Gesundheitsversorgung anzunehmen, sowie die Forderung nach einer Wehrpflicht auch für Ultraorthodoxe. Die Partei befürwortet eine Zwei-Staaten-Lösung, unter der Prämisse eines entmilitarisierten Palästinas, eines vereinten Jerusalems, einer Belassung der Siedlungsblöcke bei Israel und einer Absage ans „Rückkehrrecht“ der Palästinenser. Die Knesset-Abgeordnete Aliza Lavie wurde 2017 bei einem Vortrag an der Berliner Humboldt-Uni von BDS-Aktivisten niedergeschrien und zum Abbruch der Veranstaltung gezwungen. Lapid schrieb daraufhin einen Brief an Michael Müller und forderte von ihm ein Verbot des Al-Quds-Marsches.

Mehr zu Jair Lapid gibt es bei Focus Online zu lesen.

Chosen LeJisra’el („Widerstandskraft für Israel“)

– Gegründet 2018

– Zentristisch ausgerichtet

Trotz ihres eher unscharfen Programms lag diese neue Partei in Wahlumfragen auf Platz Zwei hinter Likud. Vorsitzender ist Benny Gantz. Er war von 2011 – 2015 Generalstabschef der Armee, ist studierter Politikwissenschaftler und kann auf eine lange Karriere beim Militär zurückblicken.

Mehr zu Benny Gantz gibt es bei Welt Online zu lesen.

Zu dem Bündnis gehört auch die neue Partei Telem (Akronym, bedeutet in etwa „Auf dem rechten Weg“ oder „Wie es sich gehört“) des Likud-Abtrünnigen, ehemaligen Verteidigungsminister Moshe „Boogie“ Jaalon. Im Falle eines Wahlsieges wollen sich Lapid und Gantz als Ministerpräsidenten abwechseln. Ein weiterer ehemaliger Generalstabschef, ein ehemaliger Gewerkschaftsvorsitzender und ein ehemaliger Sozialminister haben prominente Plätze auf der Liste. Die beiden Spitzenkandidaten erklären: Unsere Türen stehen allen offen: Rechts- und Linksstehenden als auch politisch eher in der Mitte Angesiedelte. Wir reichen allen die Hände: Misrachim und Aschkenasim, Religiösen und Säkularen, Juden und Nichtjuden.


Blau und Weiß

Derzeitige Sitze: 11

Erwartete Sitze: 31 – 38


Kulanu („Wir alle“)

– Gegründet 2014

– Sozialliberal ausgerichtet

Kulanu ist die einzige derzeitige Regierungspartei, die der politischen Mitte zugerechnet wird. Entsprechend gilt Kulanu als „Königsmacher“, die sowohl mit Netanjahu, als auch mit Gantz und Lapid eine Koalition eingehen könnten. Im Programm stehen Senkung der Lebenshaltungskosten, Verbraucherschutz und Ausbau des Sozialstaats. Gründer und Vorsitzender ist Finanzminister Mosche Kachlon, der ursprünglich beim Likud aktiv war und sich auch heute noch als „Likudnik“ fühlt. Kachlon glaubt nicht daran, dass in absehbarer Zeit ein Friedensabkommen mit den Palästinensern zu erreichen ist und befürwortet den Ausbau der Siedlungen. Die Palästinenser müssten Israel als jüdischen Staat anerkennen, einem vereinten Jerusalem zustimmen, die Flüchtlingsthematik aufgeben und sich von der Vorstellung einer Rückkehr zu den Grenzen von 1967 verabschieden.


Kulanu

Derzeitige Sitze: 10

Erwartete Sitze: 0 – 6


Ultraorthodoxe Parteien

Die ultraorthodoxen bzw. charedischen Juden führen ein von der säkularen Außenwelt weitgehend abgetrenntes Leben. Auch wenn sie z.T. den Zionismus als weltlich ablehnen, nehmen sie trotzdem Einfluss auf die Politik, oft auch in Regierungsverantwortung. Gesellschaftlich strikt konservativ orientiert, sind sie in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik sehr flexibel, weshalb sie hier nicht dem Rechten Lager zugeordnet werden können.

Das Vereinigte Thora-Judentum stellt ein seit 1992 bestehendes Bündnis von Agudat Jisra’el und Degel haTora dar.

Agudat Jisra’el („Vereinigung Israels“)

– Gegründet 1912 in Kattowitz

– Religiös-konservativ ausgerichtet

Diese Partei vertritt die aschkenasisch-charedischen (europäisch-ultraorthodoxen) Juden, bzw. die Denkschule der Chassidim (Anhänger von Israel Ben Eliezer 1698–1760). Auch wenn der säkulare Zionismus eigentlich abgelehnt wird, war Agudat Jisra’el 1977 erstmals an der Regierung beteiligt und danach immer mal wieder, sowohl mit der Awoda als auch mit Likud.

Degel haTora („Banner der Tora“)

Gründung 1988

– Religiös-konservativ ausgerichtet

Die Partei entstand als Abspaltung von Agudat Jisra’el und vertritt die Mitnagdim (Anhänger von Eliezer Zalman 1720–1797, in etwa vergleichbar mit dem Protestantismus).

Das Vereinigte Thora-Judentum ist derzeit an der Regierung beteiligt. Inhaltlich vertreten sie die Befreiung vom Militärdienst aus religiösen Gründen. (Das Gesetz, das Ultraorthodoxe zum Wehrdienst zwingen soll, ist ausgesetzt.). Außerdem befürworten sie ein Sabbat-Gesetz, das verpflichtend in ganz Israel gelten soll. (Städte dürfen nur noch neue Öffnungsgenehmigungen erteilen, wenn das Innenministerium zustimmt.) In Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik werden gemäßigte Positionen eingenommen.


Vereinigtes Thora-Judentum

Derzeitige Sitze: 6

Erwartete Sitze: 6 – 7


Schas
(Akronym für „Sephardische Tora-Wächter“)

– Gegründet 1984

– Religiös-konservativ ausgerichtet

Schas vertritt die orthodoxen sephardischen und mizrachimischen (=orientalischen) Juden. Nachdem der sephardische Landes-Oberrabbiner Ovadia Josef aus dem Amt gedrängt wurde, spaltete sie sich von der aschkenasisch dominierten Agudat Jisra’el ab. Die Partei war an mehreren Koalitionen mit Awoda und Likud beteiligt und ist derzeit auch Regierungspartei. Anfänglich einer Zwei-Staaten-Lösung zugeneigt, vertritt die Partei mittlerweile eine ablehnende Haltung. Innenpolitisch ist sie stark konservativ ausgerichtet, ist z.B. gegen die Gleichberechtigung Homosexueller. Im Gegensatz zum Vereinigten Thora-Judentum befürwortet Schas den Zionismus.


Schas

Derzeitige Sitze: 7

Erwartete Sitze: 4 – 7


Rechtes Lager

Traditionell dominiert vom konservativen Likud, haben sich im rechten Lager in den letzten Jahren und Jahrzehnten verschiedene rechtspopulistische Parteien breitgemacht. Diese sind z.T. säkular, z.T. religiös geprägt.

HaLikud („Der Zusammenschluss“)

– Gegründet 1973

– Konservativ ausgerichtet

Der Likud entstand auf Bestreben von Ariel Sharon als Bündnis von Nationalisten (Vertreter des Revisionistischen Zionismus) und Liberalen (Vertreter des Allgemeinen Zionismus) unter dem Namen Likud-Block. 1977 wurde Likud zur stärksten Fraktion in der Knesset und stellte mit Menachim Begin erstmals den Ministerpräsidenten. 1988 folgte die Gründung als Partei. Likud regiert jetzt durchgehend seit 2009. Bei den letzten Wahlen 2015 wurde Likud zur stärksten Fraktion gewählt. Programmatisch steht Sicherheitspolitik an oberster Stelle. Der Ausbau und die Stärkung der Siedlungen im Westjordanland wird befürwortet. Die Schaffung eines palästinensischen Staates wird nicht explizit ausgeschlossen, ist aber innerparteilich hoch umstritten. Das ZK des Likud stimmte im Dezember 2017 für eine Annexion des Westjordanlandes. Die Wählerschaft entstammt, anders als bei europäischen Konservativen, überwiegend ärmeren Bevölkerungsschichten. Mit Dima Taja kandidiert in diesem Jahr auch erstmals eine Araberin auf der Likud-Liste für die Knesset. Sie wurde daraufhin aus ihrer Familie durch einen offenen Brief verstoßen. Die Likud-Liste wird in diesem Jahr von Benjamin Netanjahu, Parlamentspräsident Juli-Joel Edelstein und Außenminister Israel Katz angeführt. Die beiden gelten nicht als Vertraute Netanjahus, aber als potentielle Nachfolger.

Benjamin Netanjahu wurde 1949 in Tel Aviv geboren. Aufgewachsen ist er in den USA, er studierte Management und arbeitete zunächst als Unternehmensberater in den USA und in Israel. Sein älterer Bruder Jonathan kam bei der Operation Entebbe 1976 ums Leben und gilt als Kriegsheld. Von 1982 bis 1988 war er im diplomatischen Dienst für Israel in den USA und bei der UNO. 1988 ging Netanjahu wieder nach Israel, wurde Abgeordneter für den Likud und stellvertretender Außenminister. 1996 wurde er dann erstmals Ministerpräsident und handelte mit Jassir Arafat das Wye-Abkommen aus. Aufgrund von Skandalen, Korruptionsvorwürfen und einer Ablehnung seiner Politik, kam es 1999 zu Neuwahlen, die er verlor. 2002 wurde Netanjahu von Ariel Sharon zum Außenminister ernannt, ein Jahr später wurde er Finanzminister. Netanjahu war innerparteilicher Gegner Sharons, 2005 trat er als Finanzminister aus Protest gegen den Abzug aus Gaza zurück. Nachdem Sharon den Likud verließ, wurde Netanjahu Parteivorsitzender und ab 2006 Oppositionsführer. Seit 2009 ist er Ministerpräsident und wurde als solcher 2013 und 2015 wiedergewählt. Er regierte hierbei in verschiedenen Koalitionen. Netanjahu hat 2009 erstmals seine Zustimmung zur Schaffung eines palästinensischen Staates bekannt gegeben, welcher aber nur unter bestimmten Voraussetzungen existieren soll. (Entmilitarisierung, Kontrolle der Importe, keine eigene Kontrolle des Luftraums, keine Vertragsbindungsmöglichkeiten mit anderen Staaten auf militärischem Gebiet, Unteilbarkeit von Jerusalem.) Netanjahu gilt als Freund von Viktor Orbán, Jair Bolsonaro und Donald Trump, den er noch als Geschäftsmann kennt. Zur EU macht er eher abfällige Bemerkungen.

Polizeiliche Ermittlungen haben ergeben, dass er von zwei Geschäftsleuten Vergünstigungen in großem Umfang angenommen haben soll. Außerdem soll er versucht haben, die Presseberichterstattung über ihn zu beeinflussen und dem Telekommunikationsunternehmen Bezeq Vorteile gewährt haben. Der Generalstaatsanwalts hat vor, ihn deshalb wegen Bestechlichkeit, Betrug und Untreue in drei Fällen anzuklagen. Hält er dennoch bis Juli durch, hat er David Ben Gurion als längsten amtierenden Ministerpräsidenten Israels eingeholt.

Mehr zu Benjamin Netanjahu gibt es bei Zeit Online zu lesen.


Likud

Derzeitige Sitze: 30

Erwartete Sitze: 26 – 32


Jisra’el Beitenu („Unser Haus Israel“)

– Gegründet 1999

– Nationalistisch-säkular ausgerichtet

Die Partei beruft sich auf den Revisionistischen Zionismus, ihr Programm ist klassischer Rechtspopulismus. Es wird eine Politik der harten Hand gegenüber Palästinensern und arabischen Israelis gefordert. Die Partei war zunächst Teil des Bündnisses „Nationale Union“, tritt aber seit 2006 alleine an. Zwischenzeitlich war eine Fusion mit dem Likud im Gespräch, die Pläne wurden aber fallengelassen. Jisra’el Beitenu war immer mal wieder an Regierungskoalitionen mit Likud oder Kadima beteiligt, so wie jetzt auch wieder. Die Wählerschaft besteht hauptsächlich aus russischen und osteuropäischen Einwanderern. Entsprechend fordert das Programm eine erweiterte Anerkennung der Rentenansprüche für Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion.

Gründer und Vorsitzender ist Avigdor Lieberman. Lieberman wanderte in den 1970er Jahren aus der Sowjetunion ein. Er ist studierter Politikwissenschaftler und wohnt in einer Siedlung im Westjordanland. Lieberman gehörte dem Likud an, dort war er Generalsekretär und Netanjahus Büroleiter. Er hatte bereits mehrere Ministerämter. 2004 trat er als Transportminister zurück, aus Protest gegen den Rückzug aus Gaza. Von 2009 bis 2012 war Lieberman Außenminister, er trat zurück wegen Korruptionsvorwürfen, von denen er aber freigesprochen wurde. Von 2013 bis 2015 war er wieder Außenminister. Seit 2016 war Avigdor Lieberman Verteidigungsminister. Im November 2018 trat er überraschend zurück, aus Protest gegen die Waffenruhe mit der Hamas, die er als „Kapitulation vor dem Terror“ bezeichnete. Aus diesem Grund finden jetzt Neuwahlen statt.

2004 wurde der „Lieberman-Plan“ zur Lösung des Nahostkonflikts vorgestellt. Dieser sieht eine Zweistaatenlösung im Rahmen eines Land- und Bevölkerungsaustausches vor. Mehrheitlich arabische Siedlungen in Israel sollen an Palästina übertragen werden, jüdische Siedlungsblöcke im Westjordanland dafür annektiert werden. Araber in mehrheitlich jüdischen Gebieten sollen sich einem Loyalitätstest unterziehen und ggf. ausgebürgert werden. So soll ein weitgehend homogener, jüdischer Staat entstehen.

Lieberman ist vorbestraft wegen Körperverletzung, er schlug einen 12-Jährigen, der seinen Sohn angegriffen haben soll. Er sprach sich mehrfach für die Wiedereinführung der Todesstrafe aus. Lieberman ist für martialische Sprüche bekannt: 2002 forderte Lieberman die israelische Armee dazu auf, in Gaza „keinen Stein auf dem anderen zu lassen“ und auch zivile Ziele wie Geschäfte, Banken und Tankstellen „dem Erdboden gleichzumachen“. Einige Jahre später sagte er: „Bei denen, die gegen uns sind, kann man nichts machen, wir müssen eine Axt nehmen und ihnen den Kopf abhacken. Andernfalls überleben wir hier nicht.“ Israel solle, seiner Ansicht nach, im Gazastreifen so vorgehen wie einst Russland in Tschetschenien. Im Umgang mit der Hamas solle Israel so verfahren „wie die USA mit den Japanern im Zweiten Weltkrieg“.

Mehr zur „mysteriösen russischen Seele“ gibt es bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu lesen.


Jisra’el Beitenu

Derzeitige Sitze: 5

Erwartete Sitze: 0 – 5


HaBajit haJehudi
(„Jüdisches Heim“)

– Gegründet 2008

– Nationalreligiös ausgerichtet

Das Jüdische Heim entstand als Nachfolger der Nationalreligiösen Partei und beruft sich auf den Religiösen Zionismus. Die Partei wird vor allem als Interessenvertretung jüdischer Siedler wahrgenommen und ist ansonsten wirtschaftsliberal. Das Jüdische Heim ist, wie schon in der Periode davor, Mitglied der Regierungskoalition und stellte den Bildungs-, Justiz- und Landwirtschaftsminister. Das umstrittene Nationalitätsgesetz, das den jüdischen Charakter des Staates festschreibt, geht auf das Jüdische Heim zurück.

Besonders geprägt wurde die Partei in den letzten Jahren durch Naftali Bennett. Bennett ist studierter Jurist und war Geschäftsmann. Nach dem Libanon-Krieg von 2006 ging er in die Politik, zunächst beim Likud. Obwohl er selbst kein Siedler ist, wurde er zum Repräsentanten der Siedlerbewegung. 2012 wechselte er zum Jüdischen Heim, wo er schnell Vorsitzender wurde und die Popularität der Partei stark steigern konnte. Bennett spricht sich gegen die Gründung eines Staates Palästina aus. Die C-Zone im Westjordanland soll annektiert und den dort lebenden Palästinensern die israelische Staatsbürgerschaft gegeben werden. Der Rest des Westjordanlandes soll unter palästinensischer Selbstverwaltung stehen und sich Jordanien anschließen, der Gazastreifen an Ägypten gehen. Bennett ist seit 2015 Bildungsminister und Minister für Diaspora-Angelegenheiten, nachdem er zuvor andere Ministerressorts innehatte. Im Dezember erklärten er und die Ministerin Schaked ihren Parteiaustritt und die Gründung einer neuen Partei:

HaYamin HeHadash (Die neue Rechte)

– Gegründet 2018

– Nationalistisch ausgerichtet

Die neue Partei wurde gegründet, nachdem drei Knesset-Mitglieder, darunter Bennett, das Jüdische Heim verließen. Sie möchten nicht mehr mit extremistischen Rabbinern in Verbindung gebracht werden. Die neue Rechte konnte auch die prominente Journalistin Caroline Glick von der Jerusalem Post für sich gewinnen. Die Partei will für säkulare und religiöse Wähler offen sein, ansonsten ähnelt das Programm dem des Jüdischen Heim, ist konservativ und wirtschaftsliberal.


HaYamin HeHadash

Derzeitige Sitze: 3

Erwartete Sitze: 5 – 9


Nach dem Weggang ihres Vorsitzenden hat das Jüdische Heim jetzt mit den Parteien Tkuma und Otzma Jehudit das Wahlbündnis „Union der rechten Parteien“ geschlossen.

Tkuma („Wiedergeburt“)

– Gegründet 1998

– Nationalreligiös ausgerichtet

Tkuma unterhielt bereits in der Vergangenheit Bündnisse mit dem Jüdischen Heim im Rahmen der „Nationalen Union“. Vorsitzender ist seit Januar 2019 Bezalel Smotrich. Er bezeichnet sich selbst als „stolzen Homophoben“, will den Verkauf von Häusern an Araber unterbinden, fordert in Krankenhäusern getrennte Abteilungen für Juden und Araber und möchte „jegliche nationale Hoffnung der Palästinenser auslöschen“. Smotrich ist Urheber des sog. Unterwerfungsplanes. Nach dem Plan haben die Palästinenser drei Wahlmöglichkeiten: das Land zu verlassen; mit dem Status von „Ausländern“ in Israel zu leben; oder Widerstand zu leisten, „und dann wird die Israelische Armee schon wissen, was zu tun ist“.  Dieser Plan hat Ähnlichkeit zu den Vorstellungen des Kahanismus.

Otzma Jehudit („Jüdische Stärke“)

– Gegründet 2012

– Rechtsextrem ausgerichtet

Otzma Jehudit gilt als Nachfolgeorganisation der 1994 verbotenen Kach-Partei. Sie beruft sich auf die Ideologie des Kahanismus. Dieser geht auf den Rabbi Meir Kahane (1932-1990) zurück. Laut Kahane befinden sich die Juden heute in derselben Situation wie 1230 v. Chr. zur Zeit der Landnahme Kanaans. Josua, der Nachfolger von Moses und Anführer der Israeliten, ließ den Kanaanitern damals im Vorfeld der Landnahme drei Briefe zukommen, in denen er ihnen drei mögliche Optionen anbot: Sie verlassen das Land freiwillig, sie erkennen den Fremdlings-Status an, oder sie kämpfen um das Land und tragen dafür die Konsequenzen. Nach Kahane sollte man heute auf dieselbe Weise mit den Arabern verfahren. Außerdem forderte er eine weitgehende Trennung von Juden und Nichtjuden im öffentlichen Leben, die Errichtung eines jüdischen Gottesstaates und die Annexion des Westjordanlandes. Kahane inspirierte Baruch Goldstein zum Massaker von Hebron 1994. Seine Credo war: „Es ist besser ein Israel zu haben, das von der ganzen Welt gehasst wird, als ein Auschwitz, das von ihr geliebt wird.“

Mehr über Kahanisten gibt es bei der Jüdischen Allgemeinen zu lesen.

Benjamin Netanjahu fädelte das Dreier-Bündnis aus Jüdischem Heim, Tkuma und Otzma Jehudit ein und versprach ihnen bereits Posten: zwei Sitze im Sicherheitskabinett und das Bildungsministerium. Das American Jewish Committee (AJC) und das American Israel Public Affairs Committee (AIPAC) reagierten entsetzt auf die Pläne. Die Ansichten der Jüdischen Stärke seien „verwerflich“ und spiegelten „in keiner Weise die Grundwerte wider“ auf denen der israelische Staat beruhe.  Dies ist bemerkenswert, da diese Organisationen sich sonst nie parteipolitisch äußern. Jarid Lapid lässt unterdessen verkünden: Als wir hörten, dass die Kahanisten ins Parlament einziehen sollen, und Netanjahu Smotrich versprach, er dürfe der nächste Bildungsminister unserer Kinder werden, wurde alles andere Nebensache.


Union der rechten Parteien

Derzeitige Sitze: 5

Erwartete Sitze: 4 – 9


Sonstige

Folgende Parteien haben relativ wenig Chancen auf einen Einzug in die Knesset.

Gesher

Hierbei handelt es sich um eine Abspaltung von Jisrael Beitenu, die von der Knesset-Abgeordneten Orly Levy geführt wird.

Zehut

Eine libertaristische Partei unter Führung des ehemaligen Likud-Abgeordneten Mosche Feiglin.

Piratim

Die israelische Piratenpartei, die rund 100 Mitglieder hat.

Ihre Kandidatur zurückgezogen haben mittlerweile HaJerukim (Die Grünen”) und die Pro-Cannabis-Partei Ale Jarok („Grünes Blatt“).


Fazit

Wie so ziemlich überall in der Westlichen Welt findet in Israel eine Polarisierung zwischen liberalen und rechts-autoritären Kräften statt. Nahm man bis vor ein paar Monaten noch an, dass Netanjahu die Wahl in jedem Fall wieder gewinnen würde, zeichnet sich jetzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Netanjahu auf der einen, Gantz und Lapid auf der anderen Seite ab. Auch wenn das Bündnis Blau und Weiß derzeit in sämtlichen Umfragen führend ist, wird es am Ende darauf ankommen, wer die meisten Koalitionspartner hat. Im Falle eines Wahlsieges von Gantz und Lapid könnten auch wieder linke Kräfte an der Regierung beteiligt sein. Im Falle eines erneuten Wahlsieges Netanjahus könnte er eine Regierung aufstellen, die tief in den rechtsradikalen Sumpf greifen muss. Dies würde die Arbeit der Israel-Solidarität weltweit nicht gerade einfacher machen.

Die politische Linke wirkt etwas orientierungslos und ihre Anhänger sind z.T. in die politische Mitte abgewandert. Zu sehr ist die Linke in ihrem eigenen Milieu oder ihrer eigenen Vergangenheit verhaftet. Hinzu kommen aber auch Israel-spezifische Probleme. Der Politikwissenschaftler Dr. Stephan Grigat bemerkt hierzu: Der linke Zionismus hat sich nicht davon erholt, dass ihm durch Yassir Arafats Zurückweisung der aus israelischer Perspektive ausgesprochen weitgehenden Vorschläge Ehud Baraks zur Errichtung einer palästinensischen Staatlichkeit der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Seitdem fragt sich notgedrungen auch die zionistische Linke, was sie der Gegenseite noch Neues anbieten kann.

Tatsächlich hatte der letzte sozialdemokratische Ministerpräsident Ehud Barak der palästinensischen Führung bei den Verhandlungen von Camp David II recht weitreichende Angebote gemacht, welche auch den größten Teil Ost-Jerusalems, über 90 % des Westjordanlandes und Landkompensationen für den Rest beinhalteten. Doch Arafat lehnte ab. Bill Clinton beschreibt in seiner Biografie, dass Arafat scheinbar nicht in der Lage war, den Schritt vom Revolutionär zum Staatsmann zu machen. Das Scheitern der Verhandlungen von Camp David läutete den israelischen Rechtsruck ein.

Immerhin: Die Bürgerinnen und Bürger Israels können über ihre Politik abstimmen. Der palästinensischen Bevölkerung hat sich der amtierende Präsident Mahmud Abbas seit 2005 nicht mehr zur Wahl gestellt.

Stets informiert über neueste Umfrageergebnisse wird man bei Wikipedia.

Weitere Artikel zur Wahl:

Gil Yaron – Israel: Führen die nächsten Wahlen ins Chaos?

Tina Adcock – Unerwartet spannend: der Wahlkampf in Israel

Gil Yaron – Kampfansage an Netanjahu

Ulrich Schmid – Israel geht in eine polarisierte Wahl

Audiomitschnitt der Veranstaltung mit Veronika Kracher

Am 4. März 2019 sprach die Journalistin Veronika Kracher (jungle world, konkret, taz) an der Uni Hamburg, auf Einladung von AStA, LAK Shalom der Linksjugend [’solid] und LiGA – Liste gegen Antisemitismus. In ihrem Vortrag „Die Burschenschaft: Sexualisierter Antisemitismus und deutsche Männlichkeit“ analysiert sie die historische Entstehung von Burschenschaften, setzt sich auf sozialpsychologische Art und Weise mit dem Männerbund und der ihm inhärenten Ablehnung des Weiblichen auseinander und erläutert, wieso das Bild einer spezifisch deutschen Männlichkeit als solches von Grund auf antisemitisch konnotiert ist.

Der Baum des Anstoßes

Über die schleichende Delegitimierung des jüdischen Staates

Nun ist es amtlich: Der Eurovision Song Contest 2019 wird in Tel Aviv stattfinden. Dies wäre nicht weiter bemerkenswert, wäre dieser Entscheidung nicht ein bizarrer Streit vorangegangen, nachdem Benjamin Netanyahu im Mai den Sieg der israelischen Künstlerin Netta Barzilai mit dem traditionellen Ausspruch „Nächstes Jahr in Jerusalem“ kommentiert hatte. An und für sich ist es nicht allzu ungewöhnlich, dass die Austragung des ESC in der Hauptstadt des jeweiligen Gastlandes stattfindet. In diesem Fall also: Jerusalem – und das auch nicht erst seit gestern, sondern seit 1950. Doch allein die Ankündigung sorgte für Empörung. So sehr, dass die Süddeutsche Zeitung gleich eine antisemitische Karikatur abdrucken ließ. Neben anderen Erwägungen dürfte also die Entscheidung zugunsten Tel Avivs eine Besänftigung der notorischen Israel-Hassenden darstellen, die selbstredend schon eifrig zum Boykott aufrufen.

Interessant dabei: Als 1999 der ESC zum letzten Mal in Israel stattfand, war der Austragungsort Jerusalem noch völlig unstrittig. Der deutsche Beitrag trug damals gar den Namen „Reise nach Jerusalem – Kudüs’e seyahat“. So drängt sich hier der Eindruck auf, dass es gewissen Hobby-Völkerrechtler_innen eben nicht (mehr) nur um den Status von Westjordanland und Gazastreifen geht, sondern um eine zunehmende Delegitimierung des Status von bislang unstrittig israelischen Gebieten – hin zu einer Delegitimierung des israelischen Staates selbst.

Natürlich beschränkt sich die antizionistische Empörung nicht auf Popkultur, sondern es geht auch um tatsächliche politische Gesten. Als der Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag Dietmar Bartsch im Mai im Kibbutz Sufa Schutzbäume pflanzte, schäumte etwa der Blog „Projekt Kritische Aufklärung“ des Jenaer Studenten Dan-Esra Gloe vor Empörung, wenn auch erst einige Wochen später, und nannte die Pflanzaktion „Kooperation mit den Landräubern und Kollaborateuren der faschistischen Siedler“.

Siedler_innen? Welche Siedler_innen? Da Dietmar Bartsch sich laut seinem Tweet im Grenzgebiet zu Gaza aufhielt, war unklar, welche Siedler_innen gemeint sein konnten. Schließlich hatte Ariel Sharon 2005 gegen erbitterten Widerstand sämtliche jüdischen Siedlungen im Gazastreifen räumen lassen. Entspannung brachte dies keine, im Gegenteil. Seit dem Abzug der israelischen Armee wird das Land von Gaza aus regelmäßig mit Raketen beschossen (mehrere 100 allein in diesem Jahr), so wie zuvor auch schon nach dem militärischen Abzug aus dem Libanon im Jahr 2000.

Zwei Tage nach seinem Post empörte sich das ominöse „Projekt Kritische Aufklärung“ (bei dem es sich, anders als es der Name eventuell vermuten ließe, um ein ziemlich dummes Projekt handelt) dann erneut, diesmal über die Rosa-Luxemburg-Stiftung Israel, die in die Nähe der Netanyahu-Regierung gerückt wurde. Dass die Rosa-Luxemburg-Stiftung gemäß ihrer Selbstverortung als linke NGO ein Treffpunkt für Gegner_innen und Kritiker_innen Netanyahus ist, interessiert das empörte Projekt nicht weiter. Unterdessen schrieb das offizielle deutsch-russische Aluhut-Zentralorgan „RT deutsch“ sogleich von einer „neuen Mauer“ und sah die Bäume als Teil einer „Isolierung der Palästinenser vom Rest der Welt“. Rücktrittsforderungen gegen Dietmar Bartsch wurden sogleich äußerst wohlwollend dokumentiert und verbreitet. Dieser habe schließlich eine „israelische Siedlung“ besucht. Stimmt ja im Prinzip auch. Nur befindet sich diese „Siedlung“ eindeutig im israelischen Kernland. Was soll hier suggeriert werden?

Während uns das Jenaer Projekt weiter im Unklaren ließ, was es nun mit den Siedler_innen auf sich hat, formulierte die Hamburger Berufsempörte Susann Witt-Stahl die Kritik etwas mundgerechter: „Die »Landentwicklungsorganisation« ist aktiv an der Enteignung und Entrechtung der Palästinenser beteiligt.“ Wie genau, darauf wird nicht weiter eingegangen, wie auch bei diversen anderen grotesken Vorwürfen an Die Linke in ihrem Artikel in der Jungen Welt. Wozu auch, Sachlichkeit würde ja der Empörungsindustrie nur schaden.

Tatsächlich sind die Schutzbäume ein Projekt des 1901 von Theodor Herzl gegründeten Jüdischen Nationalfonds. Sie dienen der Abwehr von Raketensplittern und Granaten. Außerdem bieten sie den Bewohner_innen der Grenzregion einen Sichtschutz vor Scharfschützen, da die Bäume besonders stark, ast- und blattreich sind. Die Verunglimpfung eines solch rein defensiven Projektes zum Schutz von Menschenleben lässt tief blicken, worum es den Empörten eigentlich geht. Es geht um nichts weiter als die völlige Delegitimierung, nicht nur des jüdischen Staates an sich, sondern auch des Existenzrechtes seiner Bewohner_innen.

Dietmar Bartsch ließ unterdessen mitteilen: „Wer im Pflanzen eines Baumes auf unbestritten israelischem Gebiet einen militaristischen Akt erkennt, hat eine sehr besondere Sichtweise.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer ein Link zum Spendenportal für die Schutzbäume.

Redebeitrag anlässlich des Konzertes der Band Algiers

Die Band „Algiers“ gehört der Gruppe „Artists for Palestine“ an, die wiederum der Boykott-Kampagne BDS nahesteht. Anlässlich ihres Auftritts auf dem Campus-Festival „Pflasterstrand“ an der Uni Hamburg, wurde am 14. Juli folgender Redebeitrag im Namen des LAK Shalom vorgetragen:

Boykott wurde von Antisemiten als Aktionsform schon früh genutzt. Es ging darum, die Emanzipation der Juden zu verhindern und sie aus dem öffentlichen und gesellschaftlichen Leben herauszudrängen. Der bekannteste Judenboykott war dann der der Nazis 1933. Der Staat Israel ist eine direkte Folge des Holocausts. Wer dieses Land mit Methoden delegitimiert, die an die alten Antisemiten erinnern, muss sich nicht wundern, wenn er mit diesen verglichen wird.

Auch gab es schon lange vor der Gründung von BDS 2005 viele Boykott-Aufrufe, die sich gegen die Juden in Palästina richteten. Diese richteten sich in der Folge auch und vor allem gegen Araber, die ein friedliches Zusammenleben mit Juden befürworteten.

BDS fordert heutzutage nicht nur einen Boykott israelischer Waren, sondern auch etwa den Abbruch akademischer Kooperationen. Nicht einmal Schüleraustausche sollen stattfinden. Das Bündnis „Artists for Palestine“ setzt Musiker, die in Israel Konzerte geben, massiv unter Druck diese abzusagen. Hier wird eine Kollektivstrafe gegen eine Nation mit rund acht Millionen Einwohnern, unterschiedlichster politischer Ansichten, gefordert.

Oberflächlich betrachtet könnte man also BDS fehlende Empathie, Unversöhnlichkeit und eine einseitige Parteinahme vorwerfen. Es ist aber noch schlimmer.

Eine zentrale Forderung von BDS und „Artists for Palestine“ ist das sogenannte Recht auf Rückkehr. Den Enkeln und Urenkeln der Palästina-Flüchtlinge soll damit eine Ansiedlung im heutigen Israel ermöglicht werden. Dies ist eine deutliche Absage an eine Zwei-Staaten-Lösung und eine verklausulierte Forderung nach der Auslöschung Israels.

Dabei gibt sich BDS gerne als friedliche und zivilgesellschaftliche Initiative. Erstunterzeichner der BDS-Kampagne ist aber der „Council of National and Islamic Forces in Palestine“, dem wiederum die Hamas angehört. Die Hamas ist nicht gerade eine friedliche und zivilgesellschaftliche Organisation.

Wie sieht nun die Realität der BDS-Kampagne aus? In Folge internationaler Proteste und Boykotte musste etwa die Firma Sodastream 2015 ihr Werk vom Westjordanland ins israelische Kernland verlegen. Hunderte Palästinenser wurden daraufhin arbeitslos und wohl keiner von ihnen wird je wieder einen so gut bezahlten Job mit Sozialversicherung finden können. Wenn Palästinenser, die Kritik an der autoritären Regierung von Abbas haben, verhaftet werden – ganz zu schweigen von denen im Gazastreifen, wo die Hamas ihre Gegner einfach hinrichten lässt – dann gibt es keine Reaktion von Seiten der BDS. Wenn die Assad-Armee palästinensische Flüchtlingslager in Syrien bombardiert, dann gibt es keine Reaktion von BDS. Dies macht deutlich: Es geht dieser Kampagne nicht um die Rechte der Palästinenser, es geht ausschließlich um die Dämonisierung des jüdischen Staates.

Wer kann ein Land in der Geschichte der Menschheit nennen, das vergleichbaren Bedrohungen ausgesetzt war wie Israel und das eine bessere Bilanz bei der Einhaltung der Menschenrechte, der Rechtsstaatlichkeit und der Vermeidung ziviler Opfer vorzuweisen hat?

Es gilt das, was Golda Meir schon einst sagte: „Frieden wird es geben, wenn die Araber ihre Kinder mehr lieben, als sie uns hassen.“

Aufruf zur Kundgebung: Kein Al-Quds-Tag in Hamburg!

Der LAK Shalom Hamburg unterstützt nachfolgenden Aufruf des Jungen Forums der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Hamburg:

Der alljährlich stattfindende und vom iranischen Regime initiierte Al-Quds-Marsch ist, vielleicht neben Wolfgang Gedeon, das Brachialste, was der Antisemitismus in Deutschland dieser Tage zu bieten hat. Jeden Sommer versammelt sich eine dreistellige Gruppe an Menschen, um ihrem Vernichtungswunsch gegen Israel Ausdruck zu verleihen. Dabei bedürfen sie meist Ordner*innen, die sie davon abhalten, direkt vor Ort Jagd auf Jüd*innen und Andersdenkende zu machen. Es ist daher sehr begrüßenswert, dass es zu großen Gegenprotesten kommt.

Allerdings bleibt das breite Engagement gegen die beim Al-Quds-Tag aktiven Gruppen oft auf das Großereignis selbst beschränkt. Die Organisator*innen, früher war es das Islamische Zentrum Hamburg (IZH) unmittelbar, heute vermittelt über eine ominöse Al-Quds AG, erfreuen sich aber dennoch breiter gesellschaftlicher Anerkennung. Während wahrscheinlich kaum ein*e Regierungsvertreter*in ein gutes Wort über den Antisemit*innenauflauf verlieren würde, bleibt der Staatsvertrag zwischen Hamburg und dem IZH weiterhin bestehen und Leseprojekte werden unter dem Deckmantel des “Kampfes gegen den Extremismus” bezuschusst. Dabei sollte sich eine Zusammenarbeit mit Antisemit*innen und Schergen der islamischen Republik Iran, deren Ziel es ist, Israel nuklear auszulöschen, von selbst verbieten.

Dass das IZH einer der Mitorganisator*innen des Al-Quds-Tags ist, reiht sich dabei ein in eine langjährige antizionistische Agitation dieses Vereins. Schon in seiner Frühphase in den 60er-Jahren vertrat das IZH offen die Sache der Revolution im Iran, die von Anfang an mit der Forderung nach der Vernichtung Israels verknüpft war. Mit dem Sieg der islamischen Revolution wurde es dann zu einer Zentrale des Revolutionsexports, indem es immer wieder versuchte, Einfluss auf in Deutschland lebende Schiit*innen auszuüben, Gegner*innen des iranischen Regimes unter Druck zu setzen und der Hisbollah, verlängerter Arm der Mullahs und eine der gefährlichsten Terrororganisationen weltweit, Räume und Strukturen zur Verfügung stellte.

Anstelle daher weiter mit dem iranischen Regime und seinen Vertreter*innen in Deutschland zu kooperieren, wäre es im Gegenteil angemessen, sich diesen konsequent in den Weg zu stellen – nicht nur in Berlin, sondern auch in Hamburg.
Wir rufen deshalb dazu auf, die Proteste gegen den Al-Quds-Tag vor die Haustür des Mullah-Regimes in Deutschland zu tragen! Kommt also sowohl zahlreich zu den Protesten in Berlin, als auch zur Kundgebung am 10. Juni vor dem Islamischen Zentrum um 17 Uhr.

Weg mit dem Al Quds-Tag!
Weg mit dem Mullah-Regime!
Gegen jeden Antisemitismus!
Solidarität mit Israel!

Aufruf zur Demonstration: Gegen jeden Antisemitismus – Kein Quds-Marsch in Berlin!

Der LAK Shalom Hamburg unterstützt nachfolgenden Aufruf des Antifaschistischen Berliner Bündnis gegen den Al Quds-Tag:

22 Jahre – so lange schon ziehen Jahr für Jahr hunderte Antisemit*innen zum Al Quds-Tag durch Berlin. Sie demonstrieren für die Vernichtung Israels und seiner jüdischen Bewohner*innen. Ihren Marsch inszenieren sie als „Kampftag der Unterdrückten der Welt“. Doch ihr Kampf ist vor allem eines: ein Kampf gegen die Existenz von Jüdinnen*Juden. Ausgestattet mit den Symbolen der Hisbollah, des iranischen Regimes und anderer mörderischer Antisemit*innen werden sie auch 2018 wieder durch Charlottenburg ziehen.

39 Jahre – so lange ist es her, seit das islamistische Regime im Iran die Macht übernommen hat. Kaum an der Macht, rief Ayatollah Chomeini den Al Quds-Tag aus. Er rief alle Muslime weltweit dazu auf, am letzten Freitag im Ramadan für die Eroberung Jerusalems zu demonstrieren. Und bis heute folgen ihm Unzählige. In Teheran beim staatlich verordneten Feiertag, in London, in Wien und in Berlin. Der Kampf gegen Israel, so hieß es anlässlich des ersten Al Quds-Tages, stelle „das Hauptziel des langfristigen Jihad des iranischen Volkes gegen die Feinde der Menschheit dar“. Und so ist es bis heute. Der mörderische Antisemitismus ist konstituierender Bestandteil der Staatsideologie. Er äußert sich in den fortlaufenden Versuchen Atomwaffen gegen Israel zu beschaffen genauso, wie bei dem im Iran stattfindenden „Hourglass Festival“, bei dem in diesem Jahr die baldige Zerstörung Israels gefeiert werden und dessen Abschlusszeremonie am Al Quds-Tag stattfinden soll.
Aber nicht nur Israel wird seit 1979 vom Regime bedroht, auch unzählige Menschen im Iran selbst. Denn auch unter dem von der deutschen Appeasement Politik als Reformer angepriesenen Hassan Rohani müssen Homosexuelle fürchten öffentlich hingerichtet zu werden. Frauen werden eingesperrt und gefoltert, wenn sie gegen die religiös patriarchalen Vorstellungen der Mullahs verstoßen. Und alle, die ein Leben ohne den Islam führen wollen, müssen fürchten als Ungläubige verfolgt und getötet zu werden.

70 Jahre – seit 1948 bietet Israel allen Menschen, die als Jüdinnen*Juden verfolgt werden Schutz. Es ist ein Ort, an dem die Überlebenden der Shoah Sicherheit finden konnten. Es ist ein Ort, an dem unzählige Menschen, die aus den unterschiedlichsten Ländern vertrieben worden sind, frei von der Furcht leben können auf Grund ihres Jüdisch-Seins verfolgt zu werden. Es ist vor allem ein Ort, an dem der Schutz von Jüdinnen*Juden in den Händen ebenjener liegt. Die Geschichte hat gezeigt, dass es kein Verlass darauf gibt, dass andere Willens und in Lage dazu sind diesen Schutz zu garantieren. Und die Gegenwart bestätigt diese Erkenntnis. Die Bundesregierung hofiert regelmäßig das iranische Regime und aus Deutschland fließen aktuell riesige Summen in den Iran, die auch dazu beitragen, das Land auf einen Krieg gegen Israel vorzubereiten. Deutsche Exporte tragen dazu bei das Regime aufzurüsten. So wurde etwa mit Bestätigung des Bundeswirtschaftsministerium Material in den Iran geliefert, das dort zur Herstellung von Chemiewaffen genutzt werden kann.

73 Jahre – seit dem 8. Mai 1945 gibt es angeblich keinen Antisemitismus mehr in Deutschland. Auf wundersame Weise scheint sich an diesem Tag die Nation der Täter*innen, die Nation, die Auschwitz möglich gemacht hat, in eine Nation frei von Antisemitismus verwandelt zu haben. Antisemitismus findet seither nur noch in staubigen Geschichtsbüchern und bei alljährlichen Kranzabwurforgien Erwähnung. Und doch war er immer da. Er war 1959 da, als von Köln ausgehend in ganz Deutschland innerhalb eines Monats etwa 700 jüdische Einrichtungen von unbekannten Täter*innen mit Hakenkreuzen beschmiert wurden. Er war 1969 da, als Linke, um den Kommune 1 Gründer Dieter Kunzelmann, versuchten hunderte Shoah-Überlebende bei einer Gedenkveranstaltung am 9. November in Berlin-Charlottenburg mit einer Brandbombe zu verbrennen. Er war 1985 da, als Helmut Kohl am Grab von Männern der Waffen-SS einen Kranz niederlegte. Er war da, als im Freudentaumel der Wiedervereinigung von allen Seiten die Rufe nach einem Schlussstrich unter der deutschen Geschichte laut wurden. Und er ist heute da, wenn die Recherche und Informationsstelle Antisemitismus allein in Berlin über 1100 antisemitische Vorfälle in einem Jahr zählt.
In den letzten Jahren ist häufig die Rede von einem “importierten Antisemitismus”, der mit Geflüchteten aus muslimischen Ländern gekommen sei. Während also Rechtspopulist*innen und weite Teile der deutschen Gesellschaft den Kampf gegen Antisemitismus unter Muslimas*Muslimen nur aus einer rassistischen Motivation heraus führen, leugnen und verstecken sie den eigenen Antisemitismus. Doch die Deutschen haben auch nach 1945 immer wieder bewiesen, dass sie keine Hilfe von außen brauchen um Jüdinnen*Juden zu bedrohen.

12 Monate – vor einem Jahr waren wir das letzte Mal gegen den Al Quds-Marsch auf der Straße. Und auch in diesem Jahr werden wir wieder da sein. Wir werden demonstrieren gegen die Klerikalfaschist*innen, gegen die Verschwörungsideolog*innen, gegen alle, die am 9. Juni ihren antisemitischen Hass auf den Ku’damm bringen werden. Es steht zu befürchten, dass sie in diesem Jahr noch selbstbewusster auftreten. Vom Iran befehligte Truppen stehen in Syrien nicht weit von der israelischen Grenze, die Bundesregierung unterstützt das Regime in einer bislang unbekannten Intensität und die Hamas hat mit dem Marsch auf die israelische Grenze einen weltweiten PR-Coup gelandet.
Aber auch der anhaltende Widerstand gegen das iranische Regime hat Aufwind in diesem Jahr. Die Berichte über die massiven Proteste in den vergangenen Monaten haben gezeigt, dass das Regime im Iran nicht unhinterfragt bleibt. Symbolisch für das Streben nach Freiheit sind die Bilder von Frauen, die dem Beispiel von Vida Movahed folgten, die aus Protest gegen die repressive Ordnung im Zentrum Teherans auf einen Stromkasten stieg – in ihrer Hand einen Stock, darauf ihr weißes Kopftuch.

Heute – die Demonstration zum Al Quds Tag ist einer der größten antisemitischen Aufmärsche in Berlin. Für uns als antifaschistisches Bündnis ist deshalb klar: 22 Jahre Al Quds-Tag in Berlin sind 22 Jahre zu viel! Nicht nur am Al Quds-Tag, sondern auch an jedem anderen Tag des Jahres gilt es, sich jeglicher Form von Antisemitismus und Antizionismus entgegenzustellen. Antifaschismus bedeutet einzustehen für das Selbstverteidigungsrecht des Schutzraums von Jüdinnen*Juden, bedeutet Solidarität mit Israel gegen die tagtäglichen Vernichtungsdrohungen.
Es gilt, eine emanzipatorische Kritik am politischen Islam und seinen Vertreter*innen zu formulieren, an islamistischer Agitation in Deutschland und Europa, am Terror von Hamas und Hisbollah. Ebenso gilt es, den deutschen Kooperationen mit diktatorischen Regimen wie dem Iran entgegenzutreten und der finanziellen und politischen Förderung aus dem Iran gesteuerter Verbände, wozu die Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden (IGS) und das Islamische Zentrum Hamburg gehören. Antifaschismus heißt auch, sich all dem in den Weg zu stellen, ohne scheinheilige Zurückhaltung im Sinne einer angeblich größeren linken Sache. Dabei stehen wir ebenso an der Seite der Verfolgten und der Opfer des politischen Islam und der islamistischen Regime, die seit Jahren vor Ort ihr Leben für Menschenrechte und Meinungsfreiheit riskieren.

Weg mit dem Al Quds-Tag!
Weg mit dem islamischen Regime!
Gegen jeden Antisemitismus!
Nie wieder Deutschland!
Solidarität mit Israel!

Antifaschistische Demonstration:
Samstag 9. Juni 2018 | 12.00 Uhr | Berlin
Auftaktkundgebung: U-Bahnhof Wilmersdorfer Straße (Wilmersdorfer Straße Ecke Kantstraße)
Abschlusskundgebung: Adenauerplatz