Veranstaltung: Die Burschenschaft – Sexualisierter Antisemitismus und deutsche Männlichkeit

„Antisemitismus und Männlichkeit bei Burschenschaften“ – eine Veranstaltung mit Veronika Kracher, in Kooperation mit dem AStA der Uni Hamburg und der Liste gegen Antisemitismus.

Montag, 4. März 2019, 18:30 Uhr, Universität Hamburg, Von-Melle-Park 9 (Fachbereich Sozialökonomie, Ex-HWP), Raum S07

Diederich Heßling fühlte sich wohlig geborgen in dem Halbdunkel des niedrigen altdeutschen Lokals, mit den Mützen an der Wand, angesichts des Kranzes geöffneter Münder, die alle dasselbe tranken und sangen, bei dem Geruch des Bieres und der Körper, die es in der Wärme wieder ausschwitzten. Ihm war, wenn es spät ward, als schwitze er mit ihnen allen aus demselben Körper. Er war untergegangen in der Korporation, die für ihn dachte und wollte. Und er war ein Mann, durfte sich selbst hochachten und hatte eine Ehre, weil er dazu gehörte! Ihn herausreißen, ihm einzeln etwas anhaben, das konnte keiner!“ Heinrich Mann: Der Untertan

Diederich Heßlings, seines Zeichens Untertan, Vorläufer des deutschen Faschismus, Paradebeispiel des autoritären Charakters, Burschenschaftler: als Figur zwar eine Kreation Heinrich Manns, als Charaktertypus jedoch von so vielen deutschen Männern vertreten.

Weder an diesen Männern, noch an der Institution „Burschenschaft“ hat sich seit der Veröffentlichung des „Untertans“ 1914 viel geändert. Nach wie vor ist der Männerbund (vor allem der schlagenden) Burschenschaft durch Elitedenken, Korpsgeist, die Abwertung des Weiblichen, Rassismus, Autoritätsgläubigkeit und Antisemitismus geprägt.

Historisch gesehen spielen in der Ideologie der Studentenverbindung, die ihre einst demokratischen und freiheitlichen Wurzeln bereits zum Wartburgfest 1817 den gleichen Flammen übergaben, denen man damals schon die Werke jüdischer SchriftstellerInnen übergab, eine maßgebliche Rolle bei der Entwicklung des modernen deutschen Nationalstaates, als auch damit einhergehend der ihm innewohnenden antisemitischen Ideologie, als auch einer spezifisch deutschen Vorstellung von Geschlechtlichkeit.

Bei dieser wird der stramme, deutsche und naturwüchsige Mann, wie er durch den archetypischen Burschen vertreten wird, dem effeminierten, impotenten Juden, dem Vertreter der pervertierten Moderne entgegen gesetzt, und steht somit stellvertretend für den nationalsozialistischen Kampf des deutschen Reiches gegen das internationale, kosmopolitische Jüdische.

Zudem kann das homoerotische Begehren, welches dem Männerbund innewohnt, sich aufgrund internalisiertem Hass gegen alles als weiblich, zärtlich und somit schwach verstandene nur sadistisch artikulieren: gegen die Untergebenen in der Verbindung einerseits, gegen die pathische Projektion des effeminierten Juden andererseits. In beiden Fällen wird man durch die massenpsychologische Erfahrung des Kollektivs in seinem Denken und Tun bestätigt.

Die Journalistin Veronika Kracher (konkret, taz, jungle world) analysiert in ihrem Vortrag „Die Burschenschaft: Sexualisierter Antisemitismus und deutsche Männlichkeit“ die historische Entstehung von Burschenschaften, setzt sich auf sozialpsychologische Art und Weise mit dem Männerbund und der ihm inhärenten Ablehnung des weiblichen Auseinander und erläutert, wieso das Bild einer spezifisch deutschen Männlichkeit als solches von Grund auf antisemitisch konnotiert ist.

An der Uni wird gewählt

Jeden Winter gibt es an der Uni Hamburg die Wahl des Studierendenparlamentes zu bewundern. Neue Gesichter kandidieren dann auf altbekannten Listen, manch altbekanntes Gesicht kandidiert auf einer neuen Liste und einige sehr altbekannte Gesichter kandidieren auf sehr altbackenen Listen. So etwa die Liste LINKS, die seit 1993 – teilweise in Personalkontinuität – ihr Unwesen treibt. Ein Klassiker dabei ist ihr alljährliches Pamphlet „The Good, the Bad and the Ugly“ in dem über konkurrierende Listen hergezogen wird.

In diesem Jahr ist in ebendiesem Pamphlet zu lesen, dass „Vernünftige Friedenspolitik“ für die Liste LINKS in erster Linie jegliche Kritik an der „strikt konservativen“ israelischen Staatspolitik ist. Was bedeutet in diesem Sinne „strikt konservativ“? Ist hiermit das Bewahren (conservare) des Staates Israel an sich gemeint? Möglich, denn allein dies wird von der Liste LINKS bereits in Frage gestellt, wenn man sich einmal anschaut, wen sie so als Diskussionspartner zu öffentlichen Veranstaltungen einladen.

Hier ist vor allem der Fall des BDS-Aktivisten Farid Esack im Gedächtnis, den sie im Januar 2017 zu einer Veranstaltung unter dem Titel „Israel und Apartheid in Südafrika – Wie gültig sind Vergleiche?“ einluden. Geschehen unter dem Pseudonym „Referat für internationale Studierende im AStA der Uni Hamburg“. Dies war eben jener Farid Esack, der ebenfalls im Januar 2017 bei einer Veranstaltung im Islamischen Zentrum Hamburg erklärt hatte „Die Idee eines islamischen Staates in Deutschland muss vertreten werden dürfen“. Die Uni Hamburg, die ihn zu jener Zeit als Gastprofessor beschäftigte, distanzierte sich. Nicht jedoch die Liste LINKS. Passt ja auch, hatte die Liste LINKS doch auf dem Höhepunkt des Erfolges des sog. Islamischen Staates „strikte diplomatische Verhandlungen“ mit jenem gefordert.

Den Schaden wiedergutmachen können, hätte die Liste LINKS am 9. November 2017, wenn sie einem entsprechenden Antrag im Studierendenparlament zugestimmt hätte, der sich gegen Veranstaltungen der BDS-Bewegung im Umfeld der Universität richtete. Das tat sie aber natürlich nicht, mit dem schlichten Verweis darauf, es gäbe keinen linken Antisemitismus. Ein skuriller Einzelfall? Wohl kaum, hatte die Liste LINKS doch bereits im sog. Friedenswinter 2014/15 die Zusammenarbeit mit allerlei merkwürdigen Gestalten der alten und „neuen Friedensbewegung“ gepflegt. In diesem Januar hat das „Referat für internationale Studierende im AStA der Uni Hamburg“ den BDS-nahen Aktivisten Kerem Schamberger eingeladen.

Doch soll die Wahl seltsamer Bündnispartner nicht darüber hinwegtäuschen, was das Problem an der Liste LINKS eigentlich ist: Sie ist eine sektiererische Gruppe, die Verfasste Studierendenschaft und Partei DIE LINKE. systematisch terrorisiert, streng hierarchisch gegliedert, undemokratisch verfasst und einer höchst eigenwilligen Ideologie unterlegen (z.B. lebenslang eingeschrieben sein, bei gleichzeitiger Aufgabe des Studiums). Abweichler im eigenen Lager bekamen und bekommen dies regelmäßig zu spüren, wie sich hier, hier und hier nachlesen lässt.

Doch wer da an der Uni nach einer wählbaren Alternative von links sucht, wird fündig werden. Bei Liste 10 „LiGA – Liste gegen Antisemitismus“ kandidieren Studierende, die sich für Gedenkkultur und Jüdisches Leben sowie gegen autoritäre Verhältnisse und regressive Ideologien einsetzen. Liste 17 „DIE CampusLINKE“ repräsentiert Studierende aus der Partei DIE LINKE., die real anpacken möchten und z.B. das AStA-Referat für Arbeiter:innenkinder gegründet haben. Wir wünschen guten Erfolg!